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Brauchst du Musiktheorie?

So eine Sache…

Mit der Musiktheorie ist es so eine Sache. Es gibt die tollsten musiktheoretischen Erkenntnisse. Manche davon erscheinen dir vielleicht gerade deshalb so wichtig, weil einmal ein Musiklehrer dir gesagt hat, dass diese Sachen wirklich EXTREM wichtig sind.

Ich glaube, zum ultimativen Verständnis von musikalischen Zusammenhängen sind sie das auch. Einige Erkenntnisse der Musiktheorie sind ja auch tatsächlich spannend und hilfreich. Gerade, wenn du Musik theoretisch analysierst und Werke unterschiedlicher Komponisten vergleichst, ist es notwendig, dass du möglichst viel über die Musiktheorie weißt. Auch wenn du untersuchen möchtest, wie sich die Arbeiten der jeweiligen Komponisten von Epoche zu Epoche gewandelt hat, gelingt dies wohl am besten, wenn du jede musiktheoretische Einzelheit hinter jeder noch so kleinen Wendung verstehst.

Von falschen Annahmen und Welthits

Es gibt aber auch noch viele andere Anwendungsfälle für die Musiktheorie. So sind nicht wenige – vor allem die sogenannten ‘ernsthaften’ Musiker – der Ansicht, man könne ohne umfangreiches musiktheoretisches Wissen nicht so komponieren, dass es den hohen Erwartungen der Zuhörer und der musikalischen Weltgeschichte entspricht. Das ist natürlich absoluter Blödsinn. Wenn das so wäre, dann hätten alle Musiker der Welt in den letzten 70 Jahren (und darüber hinaus) so gut wie nichts zustande gebracht, das von erhaltenswerter Dauer wäre. Zum Glück wissen wir das aber besser. Nur die wenigsten Urheber eines epochalen Songs oder Albums der letzten 7-8 Jahrzehne waren ausgewiesene Musiktheorie-Spezialisten. Der ein oder andere wird vielleicht geschaut haben, was denn wohl so die üblichen Grundrezepte für erfolgreiche Hits sind. Aber das hat nicht so wirklich viel mit dem weiten Fach der Musiktheorie zu tun. Da pflichten mir wahrscheinlich sogar die ‘Ernsten’ bei.

Achtung – Gefahr!

Das Erlernen und tiefe Verinnerlichen von musiktheoretischen Zusammenhängen ist aber etwas, das ich tatsächlich und ohne Pathos mit dem Begriff ‘Gefahr’ in Verbindung bringe. Da gibt es so Sachen wie ‘Nach Tonart X kommt Tonart Y.’.  Oder ‘Eine Durchführung (ein Übergang von einem Teil zum nächsten) wird so und so gemacht…’. Es gibt einen – neben anderen – sogenannten Quintenzirkel, der die ‘Zusammenhänge’ der Dur- und Moll-Tonarten in ein festes Verhältnis setzt und darstellt. So ‘gehört ‘da zum Beispiel C-Dur zu A-Moll und so weiter. Das ist alles gut und schön. Aber wenn du dich nun immer nur an diese ‘Vorgaben’ hältst, dann wirst du eben auch immer nur so klingen wie alle anderen, die das bisher so gemacht haben. ‘Weil man das eben so macht’. Ich weiß, das ist ein bisschen übertrieben und provokant formuliert.

Sei du selbst!

Aber es geht mir darum, dass du dich nicht einsperren lässt. Mir persönlich ist es lieber, du machst etwas Unkonventionelles, anstatt immer das zu machen, was im musiktheoretischen Handbuch steht (so allgemeingültig es auch sei mag). Allein schon das Wissen um zu viele dieser Zusammenhänge kann dazu führen, dass du diesbezüglich nicht mehr frei in deinem Geist und frei in deinem Schaffen bist. Ich halte es daher seit jeher mit ebenso massiver wie entschlossener Abstinenz, was die Musiktheorie angeht. Denn ob du es glaubst oder nicht – ich halte sie für diskutabel. Mach’ dir bitte selbst ein Bild. Schau’ hier und da in den ein oder anderen Sachverhalt hinein, und wenn du aber merkst, dass du von Regeln umzingelt bist, dann schreite entschlossen durch alle Barrieren nach draußen, wo du alles genau so machen kannst, wie du es willst. Ganz egal, was die ‘Ernsten’ davon halten mögen. Du wirst sehen: die meisten Dinge, die dir intuitiv in den Sinn kommen, werden ohnehin irgendwelchen Konventionen entsprechen. Aber nur deswegen, weil die Musikwissenschaft schon so ziemlich allem einen Namen gegeben hat. Um so spannender, wenn du dich traust auf musiktheoretischen Abwegen zu wandeln, oder zumindest keine Rücksicht auf vermeintliche ‚Standards‘ zu nehmen.

Viel Kreativität beim Spielen,

Dein Philip Edelmann

Philip Edelmann

Ich bin Gründer und Geschäftsführer der OpenMusicSchool und unterrichte seit über 10 Jahren einfach und spielerisch Schlagzeug, Klavier, Keyboard, Gitarre und Bass mit Online Video Kursen.

2 Kommentare

  1. Wie können Sie Musik unterrichten und Ihren zukünftigen Schülern und Schülerinnen den theoretischen Aspekt als „diskutabel“ nahelegen? Wer wirklich verstehen will, was er hört oder spielt, muss – früher oder später- die theoretische Logik von Musik sich aneignen. Und dazu gehört auch die Funktion des Quintenzirkels. Alles andere ist Effekthascherei – von denen, die das Gegenteil sagen oder jenen, die eben nur so spielen wollen.

    1. Guten Tag Anu,

      erstmal danke für Deinen Beitrag.

      Ich glaube, was Du schreibst ist nicht gänzlich falsch – Du sagst: „Wer wirklich verstehen will, was er hört oder spielt“, der braucht Theorie.

      Aber genau das ist der Punkt: Wer Musik spielen will, (spielen im Sinne von SPIELERISCH), der muss gar nicht unbedingt verstehen was er da macht, zumindest nicht in einem rationalen, logischen Sinn. Das hat viel mit Spaß, Spontanität, Improvisation, Faszination an Klängen und vielem mehr zu tun. Als Lehrer vertreten wir bei der OpenMusicSchool die Philosophie, dass Musik gemacht und nicht gedacht wird. Wir geben übrigens so oder so unseren Schülern auch die Theorie an die Hand – falls diese benötigt wird. Aber am besten lernt man übrigens auch nach der Wissenschaft über das HÖREN und SEHEN und das ANFASSEN. Gerade die grundlegende Befähigung ein Instrument zu bespielen, erfordert noch nicht die Komplexität eines theoretischen Konstrukts. Es geht um das Entdecken der Töne auf dem Griffbrett bzw. der Tastatur, es geht darum ein Fingergedächtnis zu entwickeln und den schönen Klängen die sich oft zufällig ergeben intuitiv zu folgen. Die Mehrheit der Menschen bedarf der kalten Theorie erst, wenn Virtuosität angestrebt wird. Musizieren heißt Leidenschaft und sicher auch Zeit und Energie in diese Leidenschaft zu stecken. Aber wenn Musik spielerisch gelernt wird, geht es oft viel schneller, also durch ein Unterrichtsmodell nach „preußischem“ Schul-Muster.

      Die Theorie ist durchaus diskutabel, was daran soll falsch sein? Dazu stehen wir. Der physikalische Tonwellen-Abstand von a‘ (440 Hz) zu c‘ (261,63 Hz) ist natürlich Tatsache. Aber welche Töne überhaupt gespielt werden, ist ja 100% frei. Im Orient werden „Vierteltöne“ gesungen, die uns fremd erscheinen, weil wir darauf nicht sozialisiert sind. Von Natur aus sind es aber keine Vierteltöne, sondern einfach Töne. Wir haben nur aus sachlicher Neugier aber auch aus Überforderung immer das Bedürfnis alles zu kategorisieren und zu rastern, weil wir meinen es dann besser kontrollieren zu können. Die einzige Grenze des Erlaubten und Möglichen, sind aber die Grenzen unserer angeborenen und erlernten Wahrnehmung und natürlich das Talent. Wer kommerziell im Westen verwertbare Musik machen will, der hält sich üblicherweise an gewisse Regeln und Prinzipien, die aber zu einem gewissen Grad subjektiv und historisch gewachsen sind. Musik ist nichts „Objektives“. Noten dienen etwa dazu sich komplexe Musik besser merken zu können, oder eine BESTIMMTE Art von Musik mit Hilfe von erkannten Strukturen auf sehr komplexe Weise KONSTRUIEREN zu können. Und doch wird viel Musik immer schon ohne Stift und Papier komponiert, nur durch geistige Vorstellung mit Hilfe eines „inneren Ohrs“, dass bei manchen eben von Natur aus sehr gut funktioniert, bei anderen weniger gut.

      Was meinst Du mit Effekthascherei? Es gibt hier nicht eine Wahrheit – wichtig ist immer, dass man differenziert. Theorie ist wichtig, Praxis aus, aber eines steht fest: die Theorie ist co-abhängig von der Praxis, ohne diese gäbe es gar keine Theorie.

      LG Benjamin Cross

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